Hintergründe

Stellen Sie Auffälligkeiten bei sich oder Ihrem Kind fest oder haben Anlass zur Vermutung von Sehfunktionsstörungen, kontaktieren Sie bitte einen Funktionaloptometristen.

Da sich die durch falsches Sehverhalten, schlechte Körperhaltung oder schlechte Schreibhygiene hervorgerufenen Defizite des visuellen Systems sehr unterschiedlich äußern können und anderen Krankheitsbildern teils sehr ähnlich sind, kommt es gerade bei Kindern häufig zu Paralleldiagnosen, da sich die Anzeichen ähneln (z.B.  ADS, ADHS, LRS[1]).

Wir legen deshalb bei Kindern besondere Aufmerksamkeit auf die Analyse. Denn gerade der Sehapparat früh eingeschulter Kinder ist häufig überfordert, da das Sehsystem des Menschen erst in der Pubertät vollständig entwickelt ist.[2] Zu früh spielt sich dann ein Großteil des Lebens in der Nähe ab, sodass die Kinder zunehmend zu Kurzsichtigkeit neigen und visuell überfordert sind.

Zu der klassischen Überforderung (des noch nicht fertig entwickelten Sehapparates) durch Reizüberflutung[3] kommt jedoch noch ein weiteres psychologisches und neurophysiologisches Phänomen hinzu. So gelten heute circa 15-20 Prozent aller Menschen als hochsensibel und/oder hochsensitiv. Sie nehmen Sinnesreize viel intensiver und detaillierter war. Hochsensible verfügen über schärfere Sinne, während Hochsensitive feinere Informationen wahrnehmen und interpretieren können. Sie scheinen über einen 6. Sinn zu verfügen, weshalb man sie häufig als hochempathisch, hellsichtig oder hellfühlend/-fühlig bezeichnet. Hochsensitivität und Hochsensibilität müssen nicht zwingend parallel auftreten. Deshalb sollten die beiden Begriffe auch nicht synonym angewandt werden.

Auch wenn die Ursachen und Mechanismen noch unklar sind, lassen sich unterschiedliche Formen und entsprechend auftretende Mischformen von Hochsensibilität und Hochsensitivität unterscheiden.

Betroffene sind anfällig für eine stärkere Wahrnehmung von Stress oder Leistungsdruck, empfinden schneller Zeitknappheit und zeigen eventuell eine stärkere Wirkungsreaktion auf Medikamente, Alkohol oder Koffein. Sie neigen zu Selbstkritik und Perfektionismus, haben ein starkes Harmoniebedürfnis und verfügen über eine ausgezeichnete psychosoziale Feinwahrnehmung (zwischenmenschliche Intuition). Vor allem Schulstress und der Lärm in Klassenräumen können bei betroffenen Kindern zu Konzentrationsmangel führen.

Deswegen werden auch Verbindungen zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung, Introversion und ADHS vermutet. Da bei ADHS und Hochsensibilität teils die gleichen Symptome auftreten, kommt es mitunter zu Fehleinschätzungen.

Die Funktionaloptometrie kann durch den Einsatz einer entsprechenden Sehhilfe und durch Anwendung eines individuellen Visualtrainings helfen, die Wahrnehmung der Umwelt bewusst zu steuern. Dadurch wird die Überforderung bei der visuellen Erfassung dieser reduziert, sodass es seltener zu Konzentrationsschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsdefiziten kommt. Es wird also versucht, Stress zu minimieren. Optimal wäre für die Betroffenen eine reizarme Umgebung, die aber vor allen in Großstädten nicht realisierbar ist. Folglich kann ein Hörtraining nötig sein.[4]

Die gestiegenen Anforderungen an Mensch und Auge im privaten, schulischen und beruflichen Umfeld haben bei Erwachsenen wie Kindern eine Zunahme an innerem mentalen Druck bewirkt. Die dadurch zunehmende Körperspannung kann bereits ab dem Kindesalter negative Folgen für Mensch und Auge haben – so brauchen mittlerweile rund 28% der Kinder und Jugendlichen eine Sehhilfe.

Zudem schreiben viele Kinder mit krummem Rücken oder schlechter Hand-/Stiftführung und wahren dabei einen zu geringen Abstand zwischen Auge und Papier, was ebenfalls häufig ein Signal für ein bestehendes Problem sein könnte. Bei Erwachsenen ist gerade die falsche Einrichtung des Arbeitsplatzes hinsichtlich Sitzposition, Tisch, Bildschirmwinkel, Bildschirmabstand und einfallendem, blendenden Licht Auslöser für auftretende Dysbalancen. In beiden Fällen führt bereits eine ergonomische Einrichtung des Arbeitsplatzes mittels Schreibpult, verstellbaren Tischen, Stühlen und Bildschirmen zu besserer Schreib-, Arbeits-und Sehhygiene und damit zu einer Linderung der Symptome. Verbringen Sie täglich mehr als 4 Stunden am PC, sollte in jedem Fall eine Bildschirmbrille getragen werden. Ein ergänzendes Visualtraining hilft dann, die Konzentration zu steigern, den Sehprozess durch richtige Körperhaltung zu entspannen und das theoretisch Erlernte in alltägliche Routinen zu integrieren.

  • altersabhängige Entwicklung des Sehvermögens bei Kindern (in Jahren)

    0-1 Jahr [5]

    • Akkommodationsfähigkeit 20-25cm
    • Nur Wahrnehmung von Hell-Dunkel-Kontrasten und starken Farbtönen

    1-2 Jahre [6]

    • Tiefenwahrnehmung nimmt zu
    • Sehschärfe zu 50% ausgebildet
    • Beginn Entwicklung des räumlichen Sehens

    2-4 Jahre

    • Zunahme der Sehschärfe bis 100%

    6-7 Jahre

    • Sehentwicklung nahezu abgeschlossen

    8-9 Jahre [7]

    • räumliches Sehen vollständig ausgeprägt
    • Gesichtsfeld seitlich noch ca.- 30% eingeschränkt

    10-12 Jahre [8]

    • Gesichtsfeld vollständig ausgeprägt
  • Zu unterscheidende Formen  von Hochsensibilität und Hochsensitivität

    Sensorische Hochsensibilität

    • Intensivere Sinnes­wahr­nehmung
    • Detaillierte Wahrnehmungs­fähig­keit
    • Eingehendere Verarbeitung

    Emotionale Hochsensitivität

    • Feinere Informationswahrnehmung, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich
    • Hochempathisch, mitfühlend, hilfsbereit

    Kognitive Hochsensibilität

    • Stärkere, intuitive Wahrnehmung von Logik, Gerechtigkeit
    • Multiperspektivisches, komplexes, laterales Denken
    • Perfektionismus

[1]Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Leserechtschreibschwäche
[2]Beachtet werden sollte allerdings, dass sich das Sehen im weiteren Lebensverlauf stetig verändern kann.
[3]Die permanente Verfügbarkeit von optischen, (multi-)medialen Reizen und Informationen führt häufig einer Reizüberflutung, auch Information Overload genannt. Die auditive Hörverarbeitung spielt hier ebenso eine beeinflussende Rolle.
[4]Audiva-Therapie
[5]Extreme Weitsichtigkeit schützt vor der Ferne und hilft, primär die Gesichter der Eltern zu erkennen.
[6]Das spielerische Erkunden von Gegenständen in und außerhalb der Reichweite hilft, die Sehfähigkeit weiter auszubilden und ist für die gesamte körperliche, geistige und soziale Entwicklung von Bedeutung.
[7]Erst jetzt können Entfernungen zu unterschiedlich großen Objekten richtig eingeschätzt werden, was für ein sicheres Bewegen im Straßenverkehr (auch als Fußgänger) unerlässlich ist.
[8]Erst in der Pubertät ist das Auge vollständig entwickelt und ausgebildet.