Winkelfehlsichtigkeit (MKH)

Als Winkelfehlsichtigkeit wird ein verdecktes[1] Schielen bezeichnet, dass eine Störung des beidäugigen Sehens zu Folge hat und sich in Form von Bildlagefehlern äußert. Durch die Abweichung beider Sehachsen voneinander können die Augen eine Fusion nur unter großem Aufwand leisten, was vielfältige Probleme, körperliche Symptome und asthenopische Beschwerden zur Folge haben kann.

Für eine saubere Fusion und somit gutes Binokularsehen müssen die vom Auge erfassten Objekte auf korrespondierenden Netzhautstellen abgebildet[2] und neutral gegeneinander verrechnet werden. Bei Abbildung auf disparate Netzhautstellen innerhalb der Panumbereiche (s.g. Fixationsdisparität) ist eine Fusion noch möglich, aber anstrengend – außerhalb kommt es zu Doppelbildern (Diplopie). Allgemein beschreibt die Disparität unterschiedliche Blickwinkel beider Augen und ist für die Wahrnehmung räumlicher Tiefe verantwortlich (zeitliche Differenz der Wahrnehmung). Beim zentralen Sehen ist der Panum-Bereich deutlich kleiner als beim peripheren Sehen, weshalb es in der Nähe deutlich häufiger zur Wahrnehmung von Doppelbildern kommt.

Aufgrund unterschiedlicher Korrektionsmöglichkeiten sind die sensorische und motorische Fusion zu unterscheiden. Die sensorische Fusion ist die tatsächliche Verschmelzung beider Seheindrücke durch neuronale Vorgänge im Gehirn. Gleichzeitig werden Verschiebungen beider Abbildungen auf der Netzhaut ermittelt und entsprechende Signale an die Augenmuskeln weitegegeben. Die motorische Fusion erfolgt durch fusionale Vergenz, sprich eine korrekte muskuläre Augenbewegung zur Abbildung auf korrespondierende Netzhautbereiche.

Winkelfehlsichtigkeit ist bis heute unter Ärzten und Optikern umstritten und doch wird der Begriff zwecks Vertrautheit für Patienten synonym zum medizinischen Pendant Heterophorie verwendet. Zwar weisen beide Beschwerdebilder ähnliche bis gleiche Symptome auf, jedoch unterscheiden sie sich hinsichtlich der Prüfungsverfahren. So fordert das von Ärzten nach DIN 5340-209 standardisierte Verfahren eine vollständige Unterbrechung des beidäugigen Sehens und bestimmt den Schielwinkel, während die Fusion bei der Mess- und Korrektionsmethodik nach Hans-Joachim Haase (MKH) nicht vollständig aufgehoben und Bildlagefehler bestimmt werden. Da dem Auge bei der Prüfung auf Winkelfehlsichtigkeit Stereobilder angeboten werden, spricht man auch von einem assoziierenden Verfahren.

Der Grund für das Ungleichgewicht beider Augen liegt vermutlich in nicht wachstumsbedingten Unterschieden[3] bzw. Innovationsstörungen[4] der Augenmuskulatur. Jedes Auge verfügt über 6 Muskeln, die für das Zusammenspiel und die Koordination von Augenbewegungen zuständig sind. Eigentlich müsste ein Augenpaar, bei dem eine Winkelfehlsichtigkeit Auftritt schielen. Es versucht jedoch, durch permanenten Mehraufwand die Muskel- und Nervenimpuls-Schwäche zu kompensieren, um somit Doppelbilder zu vermeiden. Dies ist auf Dauer sehr anstrengend und führt zu asthenopischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schwindel, die meistens im Laufe eines Tages mit steigender visueller Belastung zunehmen.

Vor allem bei Kindern kann Winkelfehlsichtigkeit zu anhaltender Unruhe, Unkonzentriertheit, Bewegungsdrang oder Verhaltensauffälligkeiten führen uns somit zu Lese- und Lernproblemen. Oft liegt hier auch die Ursache für Schwierigkeiten in der Grob- und Feinmotorik, für Probleme bei der Entschlüsselung von Buchstaben und Wörtern, für Kopfschmerzen bei länger anhaltendem, sehr konzentriertem visuellen Arbeiten oder für Akkommodationsprobleme. Auch können Kopfschmerzen, Verspannungen oder Störungen im räumlichen Sehen die Folge sein. Es wird stark vermutet, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Winkelfehlsichtigkeit und Störungen wie Legasthenie, ADS oder ADHS gibt, weil das Auge zu früh überfordert ist.

Leider können asthenopische Beschwerden auch durch Krankheiten wie multiple Sklerose oder Hirntumore ausgelöst werden, weshalb eine Abklärung zwischen Augenoptiker und Augenarzt erforderlich ist. Ist eine krankhafte, medizinisch zu behandelnde Ursache ausgeschossen worden, kann eine Winkelfehlsichtigkeit alternativ (Funktionaloptometrie) oder durch die Anwendung spezieller prismatischer Gläser im Rahmen der MKH korrigiert werden. Dazu gilt es die zentralen Sehfunktionen und die Bildlageverschiebung zu prüfen (Kreuztest), um mittels eines in das Brillenglas eingearbeiteten Prisma das Auftreten von Doppelbildern zu vermeiden.[5]

Das ursprüngliche Ziel Haases war eine prismatische Vollkorrektion. Da dies jedoch zu einer dekompensierten Heterophorie mit notwendigem Prismenaufbau und schlimmstenfalls zu einer Schieloperation führen kann, wird bei Sehkomfort Schöne Aussicht nur eine Minimalkorrektion vorgenommen. Es sollte nur der Bereich der Winkelfehlsichtigkeit korrigiert werden, den das Augenpaar nicht von alleine dekompensieren kann.

Wir klären Sie auf Basis der Messergebnisse und Beschwerden gründlich über Ihre Chancen bei Anwendung einer prismatischen Korrektion auf.[6]

  • Unterschiede zwischen Winkelfehlsichtigkeit und Heterophorie

    Winkelfehlsichtigkeit – Augenoptiker

    • Mess- und Korrektionsmethodik nach Hans-Joachim Haase (MKH) – Prismenbrille als einzige Lösung
    • Prüfung von Bild­lage­fehlern
    • Fusion nicht vollständig aufgehoben (assoziiertes Verfahren)
    • Kreuztest (Stereo-Dreieckstest, Hakentest, Zeigertest) am Polatest-Prüfgerät

    Heterophorie – Augenärzte/Orthoptisten

    • Prüfung auf Heterophorie nach DIN 5340-209, Sehschule, orthoptische Übungsbehandlungen
    • Prüfung von Schielwinkel
    • Vollständige Unterbrechung des beidäugigen Sehens
    • Schober-Test
    • Geringe Lesegeschwindigkeit bei Schulkindern
    • Probleme bei der Entschlüsselung von Buchstaben und Wörtern beim Lesen lernen
    • Akkommodationsprobleme (Schwierigkeiten die Sehschärfe dynamisch an veränderte Objektentfernungen anzupassen)
    • Verhaltensauffälligkeiten wie ADS/ADHS
    • Bewegungsdrang
    • Schwierigkeiten in der Grob- und Feinmotorik
    • Kopfschmerzen, Verspannungen, leichter Schwindel, schere Lider
    • Schnelles Ermüden verbunden mit allgemeinem Unwohlsein
    • Unsicherheiten beim räumlichen Sehen und Einschätzen von Entfernungen
    • anhaltende Unkonzentriertheit
    • Verschwommensehen und auftretende Doppelbilder im Nahbereich
    • Blendungsempfindlichkeit besonders beim nächtlichen Autofahren
    • Gerötete und tränende schmerzende Augen, besonders bei viel Naharbeit

[1] Winkelfehlsichtigkeit (auch verdeckte bzw. assoziierte Heterophorie) ist anders als Strabismus (richtiges Schielen) beim bloßen Blick auf die Augen nicht sichtbar.
[2] Netzhautkorrespondenz liegt vor, wenn alle peripheren Netzhautpunkte des einen Auges auf korrespondieren Netzhautpunkte im anderen Auge abgebildet werden. Den Bereich korrespondierender Netzhautstellen nennt man Horopter. Er bildet eine kreisförmige Linie und wird von dem Panum-Bereich umgeben. Je weiter im Horopter ein Punkt von der Fixationsstelle entfernt ist, desto größer ist die Disparität.
[3] Das Muskelungleichgewicht führt zu Spannungsunterschieden und somit zu Dysbalancen.
[4] Störungen der Nervenversorgung
[5] Der Schielwinkel wird in der Einheit Prismendiotprie angegeben –  1cm/m = 1prdpt.
[6] Möglicherweise muss die Prismenstärke im Laufe der Zeit erhöht werden bis zu einem Punkt, wo eine weitere Korrektion nicht mehr möglich ist.