Zwischen Auge und Emotion – das Feld der Kunstwahrnehmung
Sehen
In der ersten Phase des Wahrnehmungsprozesses erfassen wir das Motiv mit unseren Augen. Hierbei nehmen wir unmittelbar Farben, Formen und Details wahr, die für uns einen ersten Gesamteindruck bilden. Diese initialen visuellen Informationen bereiten den Weg für eine tiefere Betrachtung.
Das Gemälde „Frühlingstag“ präsentiert sich auf den ersten Blick als eine Art Mosaik aus vielfältigen Farbtönen, die in unterschiedlich großen Quadraten und Rechtecken angeordnet sind. Die Komposition ist hauptsächlich in blauen und gelblich-grünen Farbtönen gehalten. Die rötlichen Pinselstiche auf der, vom Betrachter aus, linken Seite fallen besonders ins Auge und bilden einen Kontrast zu den Farbfeldern im Hintergrund.
Befassen
In dieser Phase setzen wir uns intensiv mit den Details der Darstellung auseinander und beginnen, die einzelnen Elemente zu analysieren und zu hinterfragen. Wir betrachten die verwendeten Techniken, die Symbolik, die Komposition und den Kontext des Kunstwerks genauer. Diese tiefere Auseinandersetzung ermöglicht es uns, die Vielschichtigkeit und die Intention des Werkes besser zu verstehen.
Auf den zweiten genaueren Blick entdecken wir, dass das rötliche Gebilde oder Motiv einen Baum darstellen könnte. Besonders im Kontext der Namensgebung “Frühlingstag” erschließt sich dem Betrachter, dass die Darstellung des Baumes von einer grünlichen Landschaft und einem bläulich gehaltenen Himmel umgeben ist. Einige gelbliche Farbfelder könnten reale Felder oder Wiesen darstellen. Fraglich ist ob der Hintergrund zwei Zonen darstellt wie Boden und Himmel, die ineinander übergehen oder, ob es sich um eine Klappperspektive handelt wie bei alten Landkarten.
Verstehen
Schließlich führt uns die detaillierte Auseinandersetzung zu einem tieferen Verständnis des Kunstwerks. Wir erkennen und verstehen die dahinterliegenden Bedeutungen, Emotionen, Botschaften und Aussagen. Diese Phase ermöglicht es uns, eine tiefere Verbindung zum Werk zu entwickeln, die über die reine visuelle Wahrnehmung hinausreichen kann und zur tieferen Auseinandersetzung mit dem Werk überleitet.
Wie bei der Kunstanalyse und -interpretation üblich, gibt es oftmals kein eindeutiges Richtig oder Falsch hinsichtlich der zugrundeliegenden Ideen, aber einige erscheinen nach näherer Beschäftigung, die an dieser Stelle noch mit entsprechendem Quellenmaterial für einen fundierteren Hintergrund unterfüttert werden sollte, plausibler als andere. In unserem Fall, dem Fall der Wahrnehmung ist zunächst alles offen, denn jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung bezüglich bestimmter Komponenten, Stimmungen, Assoziationen und Details.
Der Titel des Werkes deutet auf ein harmonisches und in sich stimmiges Bildkonzept im Hinblick auf die Umsetzung hin. Dieses wird durch die sanften Farbnuancen im Hintergrund unterstrichen. Doch könnte hier nicht auch ein bewusstes Spiel zwischen Titel, Umsetzung und Wahrnehmung stattfinden? Befinden wir uns denn wirklich im Frühling oder soll uns der Titel genau auf den Aspekt unserer antrainierten Wahrnehmung hinweisen und der damit verbundenen Assoziation des Wortes, aber auch der erlernten Attribute? Denken wir an „Frühling, so kommen einem sofort Assoziationen wie frisches Grün, pastellige Farben oder milder Blütenduft in den Sinn. Möglicherweise sehen wir die Umkehrung unserer selbstverständlichen Assoziationen und Ideen. Es könnte auch eine Darstellung eines in rötlichen Tönen gehaltenen Baumes sein, der uns an den Herbst erinnert. An einem bewölkten Morgen im Herbst steht er in einer Landschaft und wartet sehnt sich nach den letzten, in der oberen Bildmitte angedeuteten helleren Lichtarealen des Himmels, die wir als Farbfelder im Hintergrund sehen. Vielleicht wird der Baum auch zur Zeit der blauen Stunde dargestellt, kurz bevor die Nacht hereinbricht? Was sehen Sie in diesem Bild und was nehmen Sie wahr?
Hier haben Sie selbst die Möglichkeit, den Drei-Schritt der visuellen Wahrnehmung bewusst vorzunehmen und die Kunst möglicherweise bewusster wahrzunehmen. Zu den Werken von Linda Blüml:
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